Gehirn und Welt

Werner Zabka


Das Bewußte ist identisch mit dem Angeschauten, Wahrgenommenen, Existenten, Objekt, Physischen 2). Es bedarf keiner Erklärung, keiner Definition oder gar eines Beweises seiner Existenz, es ist a priori "da".

Die Hirnrinde ist das Organ des Bewußtseins. Es besteht eine Korrelation 3) zwischen der Struktur und Funktion des Gehirns und den Bewußtseins-Einzelheiten ("Aktualitäten"), indem mit dem Funktionshöhepunkt das (für jede Denkzelle spezifische) Bewußte, die Aktualität, das Objekt "da" ist. Die Psychobiologie spricht in diesem Zusammenhang von Objekten als Funktionseigentümlichkeiten spezifischer Denkzellen im Unterschied zu deren Funktion, die nicht mit dem korrelierenden Bewußten zu verwechseln, sondern selber Angeschautes, Folge von 0bjekten ist. Ohne Gehirn und seine Funktion gibt es kein Bewußtes.
Die Welt ist identisch mit der Summe der (meiner) Bewußtseins-Einzelheiten. Es gibt keine außerhalb der menschlichen Anschauung objektiv, unabhängig vom menschlichen Bewußtsein existierende Welt, "in" der wir leben, die wir "an"-schauen, und "von" der wir wegen der vermeintlichen Beschränktheit unserer Sinnesorgane nur Teile wahrnehmen können.

Erläuterung:
Jedes Gefühl, jeder Gegenstand, jede Erinnerung, jeder Gedanke ist eine Folge von Bewußtseins-Einzelheiten. Beispiele: das Gefühl der Angst, der Freude, der Liebe, ein Haus, eine Melodie, ein Geruch, ein Fußballspiel, eine Erinnerung an die Vergangenheit, ein Gedanke über die Zukunft, jedes Naturgesetz, die Begriffe Raum und Zeit, jeder Gedanke über Gott, über die Metaphysis, über das Weltall und seine Entstehung. Bei all diesen Dingen handelt es sich um Folgen von Objekten, die mit der Funktion spezifischer Denkzellen "zusammenfallen".
Das gilt ebenso für die hier vorliegende Beschreibung der Struktur und Funktion unseres Gehirns und seiner Korrelation mit dem Bewußten, den vermeintlich freien Willen, das Ich, die Anwendung der Logik auf die Lösung des erkenntnistheoretischen Problems der Anschauung ("Leib-Seele-Problem", Zusammenhang zwischen dem sogenannten Geistig-Seelischen und dem Körperlichen, Materiellen) usw.

Die Struktur der Welt hat ihre Entsprechung in der Struktur der menschlichen Hirnrinde. Die Funktionen (Erlebnisabläufe, Folgen von Bewußtseins-Einzelheiten bzw. Objekten etc.) der Welt haben ihre Entsprechung in den funktionellen Abläufen der menschlichen Hirnrinde.
Die Zellen der Hirnrinde werden mit Ausnahme der Assoziationsfasern in der Psychobiologie als Denkzellen bzw. Bewußtseinszellen bezeichnet 3) . Alle Denkzellen sind ständig in Funktion, wobei das Bewußte mit dem Funktionshöhepunkt derjenigen Denkzelle korreliert, die die relativ stärkste Funktionsintensität aller Zellen der Hirnrinde hat.

Jede Zelle der Hirnrinde ist mit jeder anderen direkt oder indirekt assoziiert, aber unter Einhaltung der Grundstruktur der kortikalen Systeme. Jede Zelle der Hirnrinde erhält direkt oder indirekt "Zuflüsse" aus allen anderen Bereichen der Hirnrinde, die die Psychobiologie als Symbolkomponenten bezeichnet. Somit gibt es weder "reine" Gefühle noch "reine" Gegenstände bzw. "reine" Begriffe. So ist z.B. jeder Gegenstand mehr oder minder gefühlig und begriffig, wobei die Gefühle und Begriffe nicht etwa in dem Gegenstand enthalten sind oder an diesem anhaften, sondern jeder Gegenstand ist Symbol der ihn - rein beschreibungsmäßig - bildenden Symbolkomponenten und damit letztlich Symbol der gesamten Welt. Das Analoge gilt vice versa für die Begriffe und Gefühle.


Beim Menschen und bei vielen Tieren mit entsprechend entwickeltem Zentralorgan tritt das Bewußte als Gefühl, Gegenstand und Begriff auf. Die Analogie dazu findet sich in der Struktur der menschlichen Großhirnrinde als dem Organ des menschlichen Bewußtseins vor. 

Die Psychobiologie ordnet der Schicht der kleinen Pyramidenzellen die Gefühle zu, der Schicht der großen Pyramidenzellen die Gegenstände und der Schicht der polymorphen Zellen die Begriffe, d.h. die Erinnerungen an die Gefühle und Gegenstände. Die Gefühlszellen sind eine "Repräsentanz des vegetativen Anteiles des Organismus". Die Gegenstandszellen sind eine "Repräsentanz des sensomotorischen Anteiles des Organismus". Die Begriffszellen sind nicht direkt mit dem Organismus verbunden, sondern nur mit den zugehörigen Gefühls- und Gegenstandszellen.

Die Hirnrinde ist modular aus funktionellen und strukturellen Grundbausteinen ("systemgenetische Einheiten") aufgebaut, bestehend aus jeweils einer Gefühls- (sensilen), einer Gegenstands- (modalen) und einer Begriffszelle (idealischen Zelle). Es ist also jeweils ein bestimmtes Gefühl mit einem bestimmten Gegenstand und Begriff assoziiert, das Gefühl ist "gerichtet auf" den zugehörigen Gegenstand bzw. Begriff. In einem Modul differenziert sich genetisch zuerst die Gefühlszelle zu aktueller Funktion, d.h. es ist zuerst das Gefühl "da", danach erst der Gegenstand und dann der Begriff. In einem ausdifferenzierten Modul kann die Reihenfolge jedoch beliebig variieren.

Ein Reflexsystem setzt sich zusammen aus der peripheren Empfangsstelle (Sensorzelle), der zentralwärts leitenden (sensiblen) Nervenstrecke, den zugehörigen Zellen der Hirnrinde, der peripheriewärts leitenden (motorischen) Nervenstrecke und dem Ausdrucksorgan (Bindegewebe in den mannigfachen Differenzierungen, Drüsen- und Muskelzellen).

Zu einem kompletten Reflexsystem gehören jeweils ein vegetativer (sympathischer und parasympathischer), ein sensorischer und ein idealischer Anteil gemäß dem Aufbau der Module der Hirnrinde. Die vegetativen Ausdrucksorgane sind Bindegewebe, elastisches Gewebe, Drüsen, glatte Muskeln (einschl. des Herzmuskels), die sensorischen Ausdruckorgane sind die quergestreiften Muskeln.

Die Gefühle sind ebenso physisch wie die Gegenstände und Begriffe und "liegen wie alle Objekte auf der Objektseite der Anschauung". Sie sind als Bewußtes Funktionseigentümlichkeit spezifischer Zellen der Großhirnrinde (Sensilzellen). Die Rezeptoren und Effektoren der zugehörigen Reflexsysteme befinden sich im vegetativen Teil des Organismus, vorwiegend in der elastischen Muskulatur.
Entsprechend der elastischen Muskulatur mit ihren weiten Rundfasern, engen Rundfasern, schrägen gedrehten Fasern, kurzen und langen Längsfasern gibt es fünf Grundgefühle:

Hunger  Angst  Schmerz Trauer  Freude

Gefühl der Weite-Leere, des Noch-nicht- und Nicht-mehr Erfülltseins.

Gefühl der Öffnung,der Enge-Leere.

Gefühl der Schwelle, des Überganges. Gefühl des Stückes, der Teilerfüllung. Gefühl des Langen-Geraden, des Ganz-Erfülltseins.

Wille 

Wunsch

Verlangen

Begehren

Neugier

Trieb

Mangel

etc.

Abwägen

Schwanken

Vorsicht

Erwartung

Unsicherheit 

Scham

etc.

Entscheidung

Trennung

Überwinden 

Kämpfen

Leiden

etc.

vollzogene Trennung

Verlassenheit

Kummer

Enttäuschung 

etc.

Vollendung

Erfolg

Genugtuung 

Sättigung

Stolz

Glück

etc.

 

Die Gegenstände sind Aktualitäten von Denkzellen (Modalzellen), die auf den senso-motorischen Reflexstrecken liegen. Entsprechend unseren Sinnesorganen bzw. Rezeptoren werden neun verschiedene Arten von Gegenstände unterschieden 4):

optische, akustische, taktile, thermische, olfaktorische (Geruchs-), gustatorische (Geschmacks-) Gegenstände als Funktionseigentümlichkeiten spezifischer Denkzellen der Großhirnrinde und

kinästhetische (Lage-) Gegenstände, statische (Kraft-) Gegenstände und topische (Richtungs-) Gegenstände als Funktionseigentümlichkeiten des Kleinhirns.



Die Aktualität von Modalzellen wird nach der Art der assoziierten Sensilzelle bezeichnet. Die Psychobiologie spricht also von hunger-, angst-, schmerz-, trauer- und freudegefühligen Gegenständen.

Die Begriffe, die Aktualitäten der polymorphen Denkzellen, sind die Erinnerungen. Je nachdem, ob die Begriffszellen mit einer Gefühls- oder einer Gegenstandszelle im Modul direkt verbunden ist, ist der Begriff Erinnerung an das Gefühl oder an den Gegenstand. Die Folge Gefühl:Begriff und Gegenstand:Begriff nennt man Wiedererkennen von einem Gefühl bzw. einem Gegenstand. Wie die Gegenstände werden auch die Begriffe nach den fünf Grundgefühlen unterschieden, es gibt hunger-, angst-, schmerz-, trauer- und freude-gefühlige Begriffe.
Die Begriffssphäre gliedert sich in drei funktionelle Zonen: der ersten Zone gehören die "einfachen" Begriffe an, die Individualbegriffe an, die Erinnerungsbilder, die unmittelbar dem erinnerten gegenständlichen Individuum entsprechen; zur zweiten Zone rechnen die primären Kollektivbegriffe, diejenigen Begriffe, die das Gemeinsame, den "Typus" einer Gruppe von Individualbegriffen darstellen; zur dritten Zone gehören die sekundären oder finalen Kollektivbegriffe, auch Endbegriffe genannt, d.h. diejenigen Begriffe, die je eine Gruppe von Typen, also von primären Kollektivbegriffen einheitlich umfassen.


Beispiel:
-Erste Zone: Diese Begriffszellen sind direkt hauptsächlich mit den Gegenstandszellen assoziiert, deren Aktualitätenreihe erinnert wird, z.B. ein spezifisches Einfamilienhaus.

-Zweite Zone
: Die Begriffszellen dieser Zone sind hauptsächlich assoziiert mit einer Anzahl Begriffszellen der ersten Zone, deren Aktualitäten in den Typus eingehen, den der Begriff zweiter Zone darstellt, hier z.B. ein "Idee", in die mehrere oder viele Einfamilienhäuser eingegangen sind, die also für alle diese Einfamilienhäuser "zutrifft".

-Dritte Zone: Die Begriffszellen dieser Zone sind hauptsächlich assoziiert mit einer Anzahl Begriffszellen der zweiten Zone, nämlich denjenigen, deren Aktualitäten in den finalen Typus eingehen, den der Begriff dritter Zone, der Endbegriff darstellt, hier z.B. das Gemeinsame von noch mehr Wohnhäusern, schließlich von allen Häusern, das Häusliche schlechthin.

Die Welt der Gefühle ist genetisch die primäre (beim älteren Foetus aufdämmernd vorhandene); die Welt der Gegenstände entwickelt sich aus und nach der Welt der Gefühle, die Welt der Begriffe aus und nach der Welt der Gefühle und Gegenstände. Die Psychobiologie spricht in diesem Zusammenhang von der genetischen Entfernung der Gegenstände und Begriffe von den Gefühlen. Mit zunehmender genetischer Entfernung nimmt die Gefühligkeit der Gegenstände und Begriffe ab 5).

Im optischen und akustischen Zentrum der Hirnrinde befinden sich Bezirke von Gegenstands- und Begriffszellen, deren Aktualitäten die gegenständlichen und begrifflichen Wörter sind, und deren Aktualitätenreihen die Beschreibungen (Phänomenologie) sind. Diese phänomenologischen oder Wortbezirke sind mit den anderen, den phänomenalen Bezirken, deren Aktualitätenreihen das Beschriebene (Phänomenalität) sind, direkt und indirekt assoziiert. Beschreibung und Beschriebenes entsprechen einander, können jedoch niemals identisch miteinander sein.

Den assoziativen Abstand zwischen Denkzellen des phänomenalen Bezirkes und den zugehörigen Denkzellen des phänomenologischen Bezirkes der Hirnrinde bezeichnet die Psychobiologie als konstituive Entfernung. Am weitesten konstituiv entfernt sind die Denkzellen, deren Aktualitäten die Abstrakta sind.


Beispiel:
Die in der Physik verwendeten Wörter Energie und Arbeit haben eine relativ große konstituive Entfernung von der Phänomenalität und beschreiben diese hinsichtlich ihrer koordinativen Symbolkomponenten und deren Veränderung. Energie beschreibt das Vermögen Arbeit zu verrichten und ist ein hunger-gefühliges Wort, Arbeit ist die Verrichtung, das Umsetzen der Energie und ist ein schmerz-gefühliges Wort.


Die Psychobiologie bezeichnet die Module der Großhirnrinde und die zugehörigen Reflexsysteme nach den Gefühlsspezies: es gibt Hunger-, Angst-, Schmerz-, Trauer- und Freude-Reflexsysteme. Die Reflexsysteme ordnen sich genetisch zu Gefügen, deren jedes aus HASTF-Reflexsystemen besteht und die als Einzelgefüge teilhaben an größeren Gefügen, letztlich am Organismus.

Gemäß der Zusammensetzung der Gefüge aus HASTF-Reflexsystemen und der grundsätzlicher Funktionsfolge HASTF laufen als deren Entsprechung alle Ereignisse bzw. Erlebnisse in der Reihenfolge Hunger, Angst, Schmerz, Trauer, Freude ab. Jeder Ablauf setzt sich zusammen aus einer H-, A-, S-, T- und F-Phase, wobei je nach der Situation eine oder mehrere dieser Phasen sowohl nach Dauer als auch nach Intensität dominieren können. Jeder kleinste Ereigniszyklus ist integraler Bestandteil des nächst höheren Zyklus und damit letztlich der gesamten Lebenskurve des Menschen.


Anmerkung: Die Erkenntnistheorie muß, will sie den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, zu den biologischen Tatsachen passen. 


Beispiel:
Das Objekt existiert ausschließlich als Verändertheit und ist nur mit sich selber identisch, es gibt keine Identität. Diese Aussage paßt zu der Tatsache der Neuroplastizität, d.h. der mehr oder minder starken Änderung der assoziativen Struktur innerhalb der Hirnrinde. Somit ändert sich auch (rein phänomenologisch!) die Zusammensetzung der Symbolkomponenten eines Objektes.

Es gibt keine Kausalität. Auch diese erkenntnistheoretische Aussage deckt sich mit der Neurobiologie. Gemäß der direkten und indirekten neuronalen Verbindung aller Zellen der Hirnrinde untereinander erhält jede Zelle von jeder Zelle direkte oder indirekte Zuflüsse. Derjenige Denkzellkomplex, dessen Aktualitätenreihe die Ursache ist, erhält bzw. enthält Symbolkomponenten, die aus demjenigen Denkzellkomplex stammen, dessen Aktualitätenreihe die Wirkung ist. Wo ist der Anfang und wo das Ende?! Das So-sein der Ursache wäre eine "Wirkung" der Wirkung und die Wirkung wäre die "Ursache" der Ursache und somit selber die Ursache für sich als Wirkung. Circulus fictionalis. Die Kausalität ist eine überflüssigerweise in die zeit-räumliche Folge von Objekten hinein gedeutete Dämonie, die zudem in Widerspruch zur Struktur und Funktion der Hirnrinde als dem Organ des Bewußtseins steht. Auch hier findet die Erkenntnistheorie ihre Bestätigung in der Neurobiologie.

1) Es handelt sich hier um eine sehr stark vereinfachte Darstellung des biologischen Teiles der Lungwitzschen Psychobiologie.

2) Nicht zu verwechseln mit dem Physikalischen.

3) Jede darüber hinaus gehende Aussage, wie z.B. das Gehirn konstruiert das Bewußte oder ist in irgend einer anderen Art  und Weise aktiv oder das Bewußtsein sei lediglich eine Begleiterscheinung (ein Epiphänomen) neuronaler Prozesse ist nicht verifizierbar.

4) Im heute üblichen Sprachgebrauch versteht man unter Denken "sich etwas begrifflich vorstellen" oder in Wortreihen "begrifflich denken". Die Psychobiologie hingegen faßt den Begriff Denken weiter und versteht darunter Folgen von Gefühlen, Gegenständen und Begriffen.

5) Diese an der Anatomie orientierte Aufteilung ist im Rahmen des heute gültigen Verständnisses der Welt sehr gewöhnungsbedürftig. Danach ist ein Gegenstand etwas, was man sehen oder Tasten kann, das ein Geräusch verursacht, dieses aber nicht ist, das eine Temperatur "hat", diese aber nicht selber "ist", "von" oder "an" dem wir etwas riechen oder schmecken, wobei der Geruch oder der Geschmack selber aber kein Gegenstand ist. Noch schwieriger ist es von einer Kraft als Gegenstand zu sprechen. Das heute allgemeine Verständnis ist, das eine Kraft auf einen Gegenstand einwirkt, aber selber kein Gegenstand ist. Das Entsprechende gilt für Lage und Richtung.

 

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  28. April 2002