Die Erkenntnistherapie von Lungwitz

Die Erkenntnistherapie (kognitive Therapie) ist die Behandlungsmethode der Psychobiologie. Sie ist die von Hans Lungwitz vorgelegte Funktionstherapie der Neurosen, ein aufdeckendes und aufbauendes Verbalverfahren auf der Grundlage der psychobiologischen Analyse. Ziel ist der Ausgleich der funktionellen Entwicklungsdifferenzen des Neurotikers, die Korrektur seiner infantilistischen Persönlichkeitsanteile (Hirnfunktionen) mittels kognitiver Umstrukturierung zu Gunsten des einheitlich höheren, reiferen Entwicklungsniveaus und damit die Behebung der kranken Ausdrucksweisen an den inneren und äußeren Organen.

Die Erkenntnistherapie setzt an dem dysfunktionalen Erleben des Patienten an und klärt ihn über Sinn und Ablauf seines gestörten Fühlens, Denkens und Handelns auf, dessen Fehlfunktionen ihm nachprüfbar aufgezeigt werden, ohne die Symptome als solche anzugreifen. Nachreifend lernt er, die Einzigartigkeit (Absolutheit, Alleinheit) seines abnorm fixierten Standpunkts zu erkennen und darauf zu verzichten. Die Krankheitserscheinungen schwinden endgültig mit der einsichtsgemäßen Änderung des Verhaltens im evolutiven Umdenkungsprozess.

Die Erkenntnistherapie nach Lungwitz will die Aufsplitterung in auseinanderstrebende Psychotherapieschulen mit der Vermittlung biologischen Denkens überwinden. Sie erweist sich darin sowohl als eigenständig wie auch als fruchtbar für das von der Psychoanalyse bis zur Verhaltenstherapie reichende Spektrum. 

Reinhold Becker



Literatur:
Lungwitz, Hans: Lehrbuch der Psychobiologie, Band 6: Das Wesen der Krankheit und der Genesung. 2. Aufl. Berlin 1953
- ders.: Lehrbuch der Psychobiologie, Band 7: Die Neurosenlehre. Die Erkenntnistherapie, l. Teil, Berlin 1955
2. Teil, Berlin 1955
- ders.: Psychobiolgie der Neurosen. Überarb. und hrsg. von R. Becker, Freiburg 1980
- ders.: Psychobiology and Cognitive Therapy of the Neuroses. Rev. and ed. by R. Becker, Basel, Boston, Berlin 1993