Religion und Psychobiologie

Meine Erkenntnislehre ist (auch) die Versöhnung von Religion und Wissenschaft. Freilich – die dämonistische Deutung der Religion fällt dahin, damit aber jeder Zweifel; der echte Glaube ist Erkenntnis.

Hans Lungwitz

Gott existiert - als mein Bewusstes. Dieser Satz darf aber nicht dahin missverstanden werden, dass Gott quasi erst Kraft meiner Vorstellung, meines Geistes oder einer mir innewohnenden Dämonie von mir geschaffen wird. Das wäre wiederum eine Dämonisierung des Menschen. Der Sachverhalt ist sehr einfach: Gott ist dann, wann er ,,da" ist, Angeschautes, Objekt in gegensätzlicher Zugleichheit mit ,,seinem" Subjekt. Auch der Gottesbegriff ,,liegt" auf der Objektseite der Anschauung und ist damit physisch. Wir können auf jede metaphysische Erklärung Gottes verzichten, die letztlich jeden Zweifel nur durch andere ersetzen kann. Das Analoge gilt für die sogenannten Gottesbeweise. Die Existenz des Existenten und somit die Existenz Gottes ist weder beweisfähig, geschweige denn beweisbedürftig.

Nach heutigem Verständnis der Gläubigen ist Gott die Ursache für alles Werden, Sein und Vergehen. Gott ist die Allmacht, die außerhalb der menschlichen Erfahrung steht, die Sinn stiftet, Werte und Halt gibt, die verehrungswürdig ist, aber auch zur Verehrung verpflichtet.

So viele Menschen, so viele Welten und damit Vorstellungen von Gott. Ebenso wie der Mensch und seine Weltanschauung (siehe hierzu das Link "Entwicklung") unterliegt die Vorstellung von Gott einer Evolution. Zunächst war Gott identisch mit der Natur und ihren Kräften, dann mit dem Vater und dem Urvater. Die weitere Entwicklung ist – um es mit der psychobiologischen Terminologie auszudrücken – durch eine zunehmende Begrifflichkeit gekennzeichnet, d.h. die genetische Entfernung des Gottesbegriffes nimmt ständig zu. Gott rückt immer weiter ins Jenseits bei gleichzeitig zunehmender Individualität des Menschen. Damit geht eine "Verdünnung der Dämonie" (Lungwitz) einher bis zum endgültigen Verzicht auf das Metaphysische.

Einige Beispiele verdeutlichen die phylogenetische Entwicklung der Vorstellung von Gott: Für Aristoteles ist Gott der erste Beweger, für Meister Eckhart das Eine, für Fichte die sittliche Weltordnung, für Kant ein Postulat der praktischen Vernunft, für Hegel ist der Geist Gottes identisch mit dem Geist des Menschen. Für Sartre und Nietzsche ist Gott das Ideal der Selbstverwirklichung des Menschen. In der religiösen Metaphysik der Gegenwart schließlich ist "Gott das Urgegebene menschlichen Bewusstseins" (Kröner, Philosophisches Wörterbuch).

Wir befinden uns heute in einer Phase des "Interferenzdenkens" (Lungwitz), d.h. im Übergang zum metaphysikfreien Denken und damit zu einem Verzicht auf eine metaphysische Deutung Gottes: Der Gottesbegriff ist Bewusstes mit einem spezifischen neuronalen Korrelat.

Der "phylogenetische Ursprung der Religion" ist die Verehrung der Eltern und insbesondere des Vaters, das eigentliche Wesen der Religion ist ritualisierter Ahnenkult. Die Kirche ist somit vorwiegend vergangenheitsorientiert. Der ,,genetische Nachlauf" der Kirche hinter der zeitgenössischen Weltanschauung damit quasi vorprogrammiert. Zudem ist zu berücksichtigen, dass sich innerhalb jeder Gesellschaft das gesamte genetische Spektrum der Weltanschauungen und damit auch religiösen Vorstellungen vorfindet: von relativ konkreten Gottesvorstellungen mit allen Stufen der sich genetisch anschließenden Abstraktionen, über das Interferenzdenken, bei dem sich rein genetisch die Dämonie immer mehr ,,verdünnt", und die bisherigen Vorstellungen infrage gestellt werden, bis hin zum Entfallen der jenseitigen Mächte mit völligem Verzicht auf metaphysische Erklärungen.


   Abb.: die Entwicklung des Gottesbegriffs

Somit ist verständlich, dass sich die Kirche immer in einem Konflikt mit einem Teil ihrer Mitglieder befindet und befinden wird. Insbesondere im Rahmen des heutigen Interferenzdenkens werden ständig zunehmende Zweifel an der bisherigen Weltanschauung und damit an der Existenz der Metaphysis wach und Fragen nach Gott gestellt, die die Kirche nicht mehr beantworten kann. Die Folge: zunehmende Anzahl der Austritte, in pathologischen Fällen Hinwendung zu obskuren Sekten.

An dieser Stelle hat die Philosophie einen entscheidenden Beitrag zu leisten. Die endgültige Lösung des erkenntnistheoretischen Problems der Anschauung, des Leib-Seele-Problems ist die Voraussetzung für eine metaphysikfreie und dennoch christliche Religion. Auf dieser Basis ist es durchaus vorstellbar, dass die Kirche als moralisch-ethische und soziale Institution auch in der Zukunft eine wichtige Aufgabe innerhalb der Gesellschaft zu erfüllen haben wird.

Werner Zabka