Psychobiologie der Sprache

Die menschliche Sprache ist Teil des menschlichen Denkens. Denken ist Hirnrindenfunktion, Sprachentwicklung ist Hirnentwicklung. Wer "das Rätsel der Sprache" lösen will, muss die Struktur und Funktion des Organismus verstehen, insbesondere des Nervensystems einschließlich der Hirnrinde, dem Organ des Bewusstseins. Die psychobiologische Forschungsmethode setzt dazu an den Reflexausdrücken an, den Kontraktionen jeglicher Art.

Die hier vertretene Auffassung, dass alle Sprachen als Ausdruckserscheinun­gen des Organismus neurobiologisch einheitlich zu begreifen sind, ebenso wie es der menschliche Organismus mit seinem Nervensystem und seinen Ausdrücken überhaupt ist, stellt die Sprachwissenschaft auf ihr biologisches Fundament.

Die psychobiologische Wortkunde geht über eine philologische Beschrei­bung im herkömmlichen Sinn hinaus. Sie umfasst die verschiedenen, nämlich die pragmatischen, ethischen und ästhetischen Beschreibweisen und zählt zur pragmatischen Wortkunde auch die biologische Morphologie der Buchstaben und Wörter, die Physiologie und Pathophysiologie ihrer Entstehung, ein­schließlich des Sprechens und Schreibens, Hörens und Lesens und ihrer Assoziationen, die Logik usw., Disziplinen, die von Lungwitz als Überschnei­dungen der Wortkunde mit der Biologie, der Physiologie, der Philosophie und anderen Wissenschaften mehr aufgefasst und abgehandelt werden.

Die Klärung der biologischen Zusammenhänge zwischen phänomenalem Individuum, Wort und Wortanalyse, die so genannte Bedeutungslehre, ist Hauptgegenstand der Untersuchung, also nicht allein die Klärung der Frage, welchen Gegenstand ein gewisses Wort (in den verschiedenen Sprachen) bezeichnet, sondern wie es zu verstehen ist, dass dieses Wort gerade diesen Gegenstand bezeichnet und dass diese bestimmte Buchstabenreihe so lautet, wie sie lautet, und gerade die ist, die sie ist, und wieso eine gewisse Funktion gerade mit dieser Buchstabenreihe einer bestimmten Wortbedeutung beschrieben wird.

Hans Lungwitz zeigt grundsätzliche Gegebenheiten der Sprachbiologie auf. Breiter Raum ist darin den Wortgefühlen gewidmet, gefolgt yon den optischen und akustischen Bezeichnungen der Sinnesgegenstände sowie von den Wortbegriffen, der "inneren Sprache". Sprechen und Schreiben sodann werden als neuromuskuläre Ausdrücke nach der Gefühlsqualität differenziert, die ihnen eignet. Die strikte Unterscheidung von Erlebnis und Beschreibung, Phänome­nalitat und Phänomenologie, ermöglicht den Nachweis, dass sie biologisch einander genau entsprechen. Die Klärung der biologischen Verwandtschaft der Wörter tritt an Stelle des "methodischen Irrtums" (Lungwitz) der historischen Etymologie, Wörter, die sie voneinander nicht weiter ableiten kann, als unverwandt oder in ihrer Herkunft als dunkel zu bezeichnen.

Das Werk führt in das naturwissenschaftlich-biologische Verständnis der Laute, Buchstaben und Wörter ein, in ihre Entstehung, Bedeutung und Verwandtschaft.

"Die Psychobiologie der Sprache", bisher als Bestandteil des heute kaum mehr zugänglichen "Lehrbuchs der Psychobiologie" von seinem Verfasser Hans Lungwitz eher darin versteckt als ans Licht gebracht, ist mit einer stark erweiterten separaten Ausgabe in Vorbereitung.

Reinhold Becker